Jumper Manche Bücher sind so bedeutungslos, dass der hohe Grad ihrer Bedeutungslosigkeit paradoxerweise dazu führt, dass ihnen nun doch eine gewisse, wenn auch fragliche Bedeutung zugesprochen werden muss. Jumper ist so ein Buch. Es wurde 2008 verfilmt. Die Handlung des Films stimmt nur in den Grundzügen mit der des Buchs überein. Eine ganze Palette von Handlungsmotiven, die nicht im Buch zu finden sind, wurde dem Film hinzugefügt. Wer sich beides, Film und Buch, angetan hat, wundert sich darüber nicht. Die Ideenarmut des Buchs ist kaum zu unterbieten. Kein Wunder, dass es nicht einmal als "Buch zum Film" in deutscher Sprache zu haben war. Anscheinend waren die Mängel der Buchvorlage auch für die Entscheider so offensichtlich, dass man davon ausging, dieser Roman könne für den Erfolg des Films sogar nachteilig sein.
Dabei ist die Grundidee durchaus spannend, wenn auch nicht neu: Ein Jugendlicher entdeckt plötzlich, dass er über die Gabe der Teleportation verfügt. Er kann sich durch Gedankenkraft an Orte versetzen, die er schon mal besucht hat, und das ganz ohne den Transporter-Raum aus Raumschiff Enterprise. Die Möglichkeiten, die sich ihm dadurch eröffnen, sind natürlich endlos. Damit ergäbe sich für einen begabten Autor ein riesiges Handlungspotential. Aber was Steven Gould aus dem Thema herausholt, ist schon erbärmlich. Noch am überzeugendsten die auch schon jämmerliche Idee, dass er sich das Geld durch einen Sprung in den Tresorraum einer Bank beschafft. Damit ist das ersten knappe Hundert Seiten geschafft, und im Rest des Buches geht es dann nur noch darum, wie der Held an eine paar Personen Rache nimmt, die ihm übel mitgespielt haben, und wie sich gleichzeitig die Beziehung zu seiner Freundin entwickelt. Mehr Details will ich niemandem antun.
Man möge das Buch lesen als Lektion zum Thema, wie schwierig es ist, einen guten Roman zu schreiben. Wäre das Buch nicht gedruckt und sogar gut verkauft worden, könnte man es damit bewenden lassen und bräuchte nicht mehr darüber zu reden. Der Text würde dort landen, wo die meisten ungedruckten Texte hingehören, im Müll.
Interessant bleibt höchsten die Frage, warum es möglich ist, mit sprachlichem Müll viel Geld zu verdienen. Dass generell mit Müll viel Geld verdient werden kann, das beweißt uns ja täglich das Fernsehen.
Wie wenig dem Autor an seiner eigenen Geschichte gelegen sein kann, merkt man schon daran, dass er eine Fortsetzung schreibt, die nicht zu seinem Roman passt, sondern nur zur Handlungsvariante des Films. Den Titel dieses Schmökers, den ich leider nicht gelesen habe, lasse ich hier weg.
Posts mit dem Label Bücher werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bücher werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, 20. März 2011
Sonntag, 14. Februar 2010
Meine Meinung zu Google books
Meine Meinung zu Google Books: Unübersichtlich, unhandlich, verworren, unausgegoren, nutzlos. Wenn sich die vielen Google-Kritiker mal diese Seite anschauen würden, würden sie sich vielleicht weniger Sorgen um ihre Urheberrechte machen.
Es ist so gut wie ausgeschlossen, hier eine sinnvolle Büchersuche durchzuführen, oder sich Bücher kostenlos herunterzuladen, um sie dann in aller Gemütlichkeit auf einem Ebook-Reader oder sonstwie zu lesen.
Nicht alles, was Google anpackt, ist genial. Und nicht vor allem braucht man Angst haben. Im Webdesign waren sie noch nie besonders gut. Die Google-Suche konnte nur deshalb so erfolgreich werden, weil sie auf ein Design so weit wie möglich verzichtet hat: Ein Eingabefeld für die Suche, ein Google-Logo, viel mehr enthielt die Seite lange Zeit nicht. Bis heute scheint sich an Googles Unfähigkeit, HTML-Seiten zu gestalten, nichts geändert zu haben. Diese Leute sind eine Technikertruppe. Bücher erwecken in denen nicht so viele Emotionen, höchstens vielleicht den dringenden Wunsch, alle zu digitalisieren.
Es ist so gut wie ausgeschlossen, hier eine sinnvolle Büchersuche durchzuführen, oder sich Bücher kostenlos herunterzuladen, um sie dann in aller Gemütlichkeit auf einem Ebook-Reader oder sonstwie zu lesen.
Nicht alles, was Google anpackt, ist genial. Und nicht vor allem braucht man Angst haben. Im Webdesign waren sie noch nie besonders gut. Die Google-Suche konnte nur deshalb so erfolgreich werden, weil sie auf ein Design so weit wie möglich verzichtet hat: Ein Eingabefeld für die Suche, ein Google-Logo, viel mehr enthielt die Seite lange Zeit nicht. Bis heute scheint sich an Googles Unfähigkeit, HTML-Seiten zu gestalten, nichts geändert zu haben. Diese Leute sind eine Technikertruppe. Bücher erwecken in denen nicht so viele Emotionen, höchstens vielleicht den dringenden Wunsch, alle zu digitalisieren.
Donnerstag, 19. März 2009
Edgar Allan Poe: Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym
Poe hat sich in der Romanform nicht wirklich wohl gefühlt, das verrät schon die interessante Entstehungsgeschichte des Buchs: Es ist geschrieben worden, um damit Geld zu verdienen. Die Kurzgeschichten, die er für gewöhnlich schrieb, brachten nicht genügend ein. Was geschieht nun, wenn ein Autor wie Poe den Versuch unternimmt, einen kommerziell erfolgreichen Roman zu schreiben?
Der Ich-Erzähler schifft sich aus Abenteuerlust als blinder Passagier ein und muss sich tagelang unter Deck in drangvoller Enge und bei Dunkelheit verstecken. Man begegnet einem für Poe typischen Motiv, der Angst vor dem Lebendigbegrabensein. Es folgen eine Meuterei, schweres Gemetzel, Seenot und glückliche Rettung. Dann ein merkwürdiger Bruch in der Erzählung: Plötzlich liest man naturkundliche Beschreibungen, nautische Fachsimpeleien, Seefahrtshistorie. Eigentlich hat der Autor seine Geschichte zu Ende erzählt, aber er schreibt trotzdem weiter. Und weil ihm grade nichts mehr einfällt, kopiert er ganze Textstrecken aus anderen Büchern. Dabei kann er noch nicht einmal auf eine besonders große Referenzbibliothek zurückgreifen. Poe ist ein armer Mann, und die paar Bücher über Seefahrt, die ihm zur Verfügung stehen, müssen reichen. Sie werden bedenkenlos geplündert. Die Lustlosigkeit ist so offensichtlich, dass man davon ausgehen muss: Sie wollte bemerkt werden.
Schließlich, im dritten Teil des Romans, nähert sich die Reise mehr und mehr dem Südpol an. Ein unbekanntes Volk taucht auf: schwarze Menschen mit schwarzen Zähnen, die in Erdlöchern hausen. Sie zeigen sich erst freundlich, erweisen sich dann aber als grausame Meuchler. Den Ich-Erzähler verschütten sie unter einer Gerölllawine. Die Art, wie er dort eingeschlossen ist, erinnert erneut an die Situation des Lebendigbegrabenseins. Es folgen merkwürdig ausführliche Landschaftsschilderungen, sogar mit Skizzen illustriert, die an Buchstaben einer unbekannten Sprache erinnern.
Vögel, die einen geheimnisvollen Laut von sich geben, den auch die Eingeborenen in ihrer Sprache verwenden, merkwürdige Zeichen, die in die Landschaft geschrieben sind, all das ist Humbug, es ist ein Witz.
Dann Befreiung, Weiterfahrt in Richtung Südpol, merkwürdige Lichterscheinungen am Himmel, Ascheregen und gegen Ende eine übergroße Gestalt, die sich aus dem Meer erhebt.
Zunächst möchte man annehmen, hier würde eine besonders rätselhafte und verworrene Geschichte geschildert. Durch die Deutung der Hinweise und Indizien, müsste es möglich sein, hinter den Sinn zu kommen. Aber einen Sinn gibt es nicht. Der Roman ist ein schlechter Witz, der Witz eines Schriftstellers, der sich über seine unterhaltungsuchenden Leser lustig macht. Das, und nur das ist die Stärke des Buchs. Im Nachwort heißt es, die letzten drei Kapitel der Erzählung seien verloren gegangen. Es werden Gründe genannt. Aber die Vermutung, Poe hätte eine Fortsetzung geplant, ist falsch. Er hat vielmehr die Schraube so lange angedreht, bis nichts mehr geht. Seine Geschichte lässt sich überhaupt nicht sinnvoll zu Ende erzählen. Er hat sie absichtlich gegen die Wand gefahren.
Wenn dieses Buch eine Botschaft hat, dann Provokation:
Ihr wollt einen spannenden Roman lesen? Hier habt ihr ihn!Aber der Leser bekommt nicht das, was ihm versprochen wird. Er erhält eher eine verkappte Satire. Man könnte auch von absichtsvollem Scheitern reden, oder von einem literarischen Lausbubenstreich.
Vermutlich gibt es viele Interpreten, die sich ausführlich mit der in den letzten Kapitel auftauchenden Symbolik beschäftigt und Deutungsversuche angestellt haben. Diese Leute, muss man leider sagen, haben sich von Edgar Allan Poe veralbern lassen.
Samstag, 7. Februar 2009
Richard Yates: Revolutionary Road (Zeiten des Aufruhrs)
Revolutionary Roadläuft gerade in den Kinos mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen, dem Traumpaar aus
Titanic. Regie führt Winslets Ehemann Sam Mendes. Wenn man der Presse glauben darf, hat sie ihren Mann dazu bewegt, diesen Film zu machen, weil ihr das Buch so am Herzen liegt.
Der Roman aus dem Jahr 1961 war der Erstling des hochgelobten aber vergleichsweise erfolglosen amerikanischen Autors Richard Yates.
Es geht um die Wheelers, ein Ehepaar, das an der eigenen Eitelkeiten zu Grunde geht, indem es sich einen erbarmungslosen Ehekrieg führt. Erbarmungslos geht auch der Autor mit seinen Romanfiguren um, indem er die innere Leere dieser Menschen schonungslose offenbart. Dieses Ehepaar sucht nach einem diffusen Glück, von dem es nicht weiß wie es aussehen könnte. Nur eines scheint ihnen sicher, nämlich ihr Familienleben mit zwei Kindern im eigenen Häuschen in einer New Yorker Vorstadt nicht das ist, worauf es ihnen im Leben wirklich ankommt.
Frank und April Wheeler sind gefangen in den Rollen, die sie sich gegenseitig zugedacht haben. In ihrem unausgegorenen Plan, nach Europa auszuwandern, versinnbildlicht sich ihre Unfähigkeit, dem Lebensgefühl ihrer Epoche etwas Eigenes, Echtes entgegenzusetzen. Der Plan muss scheitern, und damit auch die Ehe. Beiden fehlt das, was sie vom jeweils anderen so sehr erhoffen, der Zugang zu eigenen, echten Gefühlen, fernab von Pose und Heuchelei, und das gesunde Selbstbewusstsein.
Was bleibt, wenn zwei Menschen merken, dass ihnen ihr Leben entgleitet und nichts mehr da ist, womit sie sich wirklich identifizieren können, das demonstriert dieser Roman: Hass und Selbstzerstörung.
Die Klasse des Romans steht außer Frage. Das Ehedrama wird auf eindringliche, differenzierte Weise geschildert. Dabei ist die Geschichte nicht mit den amerikanischen Fünfzigern verhaftet. Das psychologische Drama der Wheelers könnte sich vor einem anderen Hintergrund heute genau so ereignen. Im Grunde geht es darum, wie eine seelenlose Kindheit im Erwachsenenleben eins Ehepaars fortwirkt. Beide haben in ihrer Erziehung offenbar nichts mitbekommen woran sie sich hätten orientieren können. April hütet wie einen Schatz die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern, die sie früh weggegeben haben. Frank hat in seinem Vater nie einen Menschen sehen können, zu dem er hätte aufschauen, an dem er sich hätte ausrichten können. Was beide früher nicht bekommen haben, können sie sich gegenseitig in der Ehe auch nicht geben.
Gerade die Qualitäten des Romans machen die Lektüre zu einem bedrückenden, um nicht zu sagen frustrierenden Erlebnis. Hier gibt es keinen Hoffnungsschimmer, schon gar keine Ausweg. Manchmal scheint es, als habe der Autor eine grausame Freude daran gefunden, den amerikanischen Durchschnittsbürger bloßzustellen. Aber dabei überschreitet er nie die Grenze zur Satire, sondern bleibt stets realistisch. Und damit wird es für den Leser unmöglich, eine wohltuende Distanz zwischen sich und dem Erzählten aufzubauen. Das Lachen bleibt ihm im Halse stecken.
Vielleicht ist diese Schonungslosigkeit auch einer der Gründe, warum dem Autor der ganz große Durchbruch zu Lebzeiten verwehrt geblieben ist. Der Roman ist zu dicht dran am echten Leben, als dass er als Unterhaltungslektüre durchgehen könnte. Er erfüllt seinen Zweck eher dann, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt, ihn als Spiegel fürs eigene Dasein benutzt, oder einfach, wenn man ihn als Anregung zum Nachdenken sieht.
Natürlich wäre aus einem solchen Stoff ein Film mit Intensität und Atmosphäre machbar gewesen. Sam Mendes ist das nicht gelungen. Seine Hauptdarsteller spielen gut, ja, und sie scheinen die Idealbesetzungen zu sein. Genau so muss man sich Frank und April Wheeler wohl vorstellen. Aber dem Film fehlt jeder Schwung bei der Umsetzung vom Buch auf die Leinwand. Die Romanhandlung ist fast eins zu eins umgesetzt, aber sie bekommt auf der Leinwand kein Leben eingehaucht. In den ersten zwei Dritteln ist der Film fast langweilig und gewinnt dann nur deshalb an Fahrt, weil das Ehedrama unweigerlich seinem Finale entgegensteuert.
Für mich ist das ein Film, der viel zu sehr Papier geblieben ist. Die Macht der Bilder kann sich nicht entfalten. Die Fünfzigerjahre-Kulisse wirkt wie eine Bühnendekoration, einfallslos in Szene gesetzt. Einen solchen Film können auch die Hauptdarsteller leider nicht retten.
Samstag, 31. Januar 2009
Karl Philipp Moritz: Anton Reiser
psychologischeRoman. Das Buch ist sehr autobiographisch und deshalb so etwas wie eine Selbstanalyse des Autors. Als solche ist sie äußerst beachtlich, bis heute hochaktuell und äußerst lesenswert. Auch den modernen Leser macht das Schicksal Anton Reisers unmittelbar betroffen. Die Psyche des Protagonisten, seine innere Zerrissenheit wird so differenziert und eindringlich geschildert, dass wir darin viele Muster entdecken können, die auch heute noch in der Entwicklungspsychologie wichtig sind.
Es geht um einen jungen Menschen, Anton Reiser, der ohne Liebe und ohne Wertschätzung aufwachsen muss. Seine Eltern sind Quietisten, eine heutzutage unbedeutende Frömmigkeitsrichtung aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Sie ist am ehesten noch mit dem Pietismus vergleichbar. Im Quietismus sind Selbstkritik und Selbstverzicht die höchsten Werte. Dem Kind wird dieser radikale Glaube aufgezwängt, es wird ihm durch ständige Wiederholung die Doktrin eingepflanzt, dass das eigene Selbst keinen Wert hat.
Dennoch lässt Anton schon früh große Begabungen erkennen. Er interessiert sich für Philosophie und Literatur, lernt schnell und gut die alten Sprachen, dichtet, und hätte offenbar eine vielversprechende Zukunft vor sich, wenn er gefördert werden würde. Erst durch die offensichtlichen Begabungen Antons wird sein Schicksal tragisch. Der Roman protokolliert nun genau, wie der Mangel an Eigenliebe verhindert, dass Anton seiner Bestimmung folgen und zu sich selbst finden kann. Es wird zwar zugelassen, dass er studiert, allerdings nur, weil sein Talent von Lehrern erkannt wird. Von seinen Eltern erfährt er keine Unterstützung, auch keine finanzielle. Das ist zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Normal ist vielmehr, dass Studenten bettelarm sind und als Kostgänger darauf angewiesen sind, dass sie bei mehr oder minder menschenfreundlichen Gönnern endgeltlos essen oder schlafen dürfen.
Zunächst scheint es, als sei Anton ein Opfer der Zeitumstände, der Roman eine soziale Anklageschrift à la Oliver Twist. Dann wird klar, dass Anton nicht nur gegen die sozialen Probleme seiner Zeit zu kämpfen hat, sondern auch gegen sich selbst. Zu groß ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die ihm in der Kindheit verwehrt worden ist. Sie sorgt dafür, dass er immer wieder vom Weg abkommt. Wenn er Zuspruch erfährt, wenn er Gönner hat, macht ihn das euphorisch, aber mit Ablehnung kann er nicht umgehen.
Es gelingt ihm nicht, sein Studium
durchzuziehen, wie man heute sagen würde. Die unstillbare Sucht nach Anerkennung kondensiert sich in dem Wunsch, Schauspieler zu werden. Zum Schauspieler ist er nicht geboren, es fehlen ihm sowohl das Äußere als auch das Talent. Dennoch glaubt er von einem bestimmten Punkt an, nur als Schauspieler glücklich sein zu können. Er bricht sein Studium ab, begibt sich mehrmals ohne ausreichend Geld auf planlose Wanderschaften, die ihn physisch und psychisch schwer belasten. Er reist einer Schauspielertruppe nach, um sich ihr anzuschließen, nimmt dafür vielen Entbehrungen in Kauf, nur um am Ende erfahren zu müssen, dass sich die Truppe aufgelöst hat. Das aber ist fast ein Glück, denn in einer mittelmäßigen Theatertruppe wäre es um sein Talent endgültig geschehen gewesen.
Der Roman bleibt unvollendet und wirkt doch rund, denn am Ende ist klar, was Reiser tun müsste und warum er es nicht kann. Der Wunsch, Schauspieler zu werden ist Ausdruck einer falschen Identität, die sich in ihm herangebildet hat in den Jahren emotionaler Vernachlässigung. Mit der Schauspielerei hält er an dem einen Wunsch fest, der ihm in seiner Jugend hatte ausgetrieben werden sollen, dem Wunsch, als ein Mensch mit eigenen Gefühlen wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Tragisch ist diese Lebensgeschichte dadurch, dass sich aus einer berechtigten Sehnsucht heraus ein Irrtum entwickelt, ein falsches Bild von sich selbst und der Realität. All seine Klugheit und seine Fähigkeit zur Selbstanalyse versetzen ihn nicht in die Lage, seinen Irrtum zu durchschauen.
Die Existenz dieses Romans beweist, dass der Autor Karl Philipp Moritz im Gegensatz zu seiner Romanfigur irgendwann verstanden hat. Erst dadurch war er in der Lage, diesen Roman zu schreiben, den ersten, der die Bedeutung der menschlichen Psyche bei der Sozialisierung des Individuums thematisiert.
Sonntag, 28. Dezember 2008
Theodor Fontane: Der Stechlin
Schloss Stechlin), den Pfarrer, den Schulmeister, den brandenburgischen Landadel, eine in Berlin ansässige Grafenfamilie ...
Es ist ein mildes, ein ruhiges Buch über Vergangenes und Neues. Für uns Heutige ein Fenster in eine vergangene Zeit. Zur Zeit seiner Niederschrift ein Gegenwartsroman. Das ist das zentrale Thema des Romans: Das Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Personen blicken zurück und vergleichen ihre Gegenwart mit dem, wie es früher gewesen ist. Dem alten Stechlin ist eine tiefe Sehnsucht nach der
guten alten Zeitanzumerken. Dennoch sind weder er noch das ganze Buch rückwärtsgewandt. In allen spürt man stets Fontanes eigenes Streben nach einer versöhnlichen Antwort auf die Frage nach Neuerung und Vergänglichkeit.
Darüber, welche neue Mode oder welche gesellschaftliche Entwicklung gutzuheißen ist, wird in diesem Roman viel diskutiert, auf eine harmlose, beinahe friedliche Art und Weise. Ein Buch fast ohne Handlung. Familienausflüge, Besuche, Spaziergänge bieten Anlass für ausgedehnte Plaudereien und Anekdoten. Oder wie Fontane selbst es ausgedrückt hat:
Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Gegen Ende, als klar , dass der alte Stechlin seinem Ende entgegengeht, gewinnt das Buch an Spannung.
Überall spürt man die Sorgfalt, mit der der Roman geschrieben ist. Die kommentierte Ausgabe, herausgegeben von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger, enhält Varianten und gestrichene Textpassagen, die erahnen lassen, wieviel Arbeit in der Niederschrift der scheinbar so beiläufigen Plaudereien steckt, die den Großteil des Romans ausmachen. Es ist hier eben nichts beiläufig, alles absichtlich.
Welche tiefere Absicht nun aber dahintersteckt, da scheiden sich dann schon wieder die Geister. Fontane selbst hat von einem politischen Roman gesprochen, und tatsächlich spielt die Politik eine Rolle, zu Fontanes Zeit noch geprägt von Adel und Königtum. Die Sozialdemokratie ist hier noch eine unbequeme neue Strömung, die von manchen als Modeerscheinung abgetan.
Trotzdem, Hauptthema des Romans ist nicht die Politik. Es ist - wie bereits ausgeführt - ein Buch über Vergänglichkeit, über Moral und Sittlichkeit im Wandel der Zeit. Dies geschieht nicht abstrakt und theoretisch, sondern durch pure, leise Erzählung. Hier hat einer in seine Gegenwart hineingelauscht und berichtet nun, wie die Eruptionen der großen Welt auf dem kleinen Stechliner See Wellen werfen, und wie ein paar Menschen staunend davor stehen.
Samstag, 17. Mai 2008
Walter Scott: Ivanhoe
Als Neuerscheinung aber hätte eine solches Buch heute keine Chance mehr. Viel zu langatmig sind die Beschreibungen, zu dialoglastig die Szenen, zu gering die Erzählgeschwindigkeit. Scotts Stil ist schon zu seinen Lebzeiten von manchen als trocken empfunden worden. Für den heutigen Leser ist seine von Shakespeare beeinflusste, geradezu theatralische und überladene Erzählweise nur noch altmodische Ausdrucksform einer vergangenen Epoche, der wir uns schon lange nicht mehr zugehörig fühlen.
Ivanhoe ist also ein Klassiker, der Staub angesetzt hat. Wer sich dennoch die Lektüre zumutet, muss einen doppelten Zeitsprung machen: Erst ins angehende neunzehnten Jahrhundert (den Entstehungszeitraum des Buches), und dann noch einmal mehr als sechshundert Jahre bis ins Jahr 1194, wo die Handlung spielt. Dort findet der Leser dann genau das vor, was heute der klassischen Klischeevorstellung des Mittelalters entspricht: Schöne Prinzessinnen, Ritterturniere, Burgen und Burgerstürmungen. Ein Ritter-Roman reinsten Wassers, und keineswegs der erste seiner Sorte. Ritter-Romane waren auch damals nichts Neues, sondern hatten eine lange Tradition. Schon der Don Cervantes' Quichotte (veröffentlicht 1605 bis 1615) ist eine Parodie auf diese Gattung.
Für mich war die Lektüre ein Versuch, mich dem heute wieder so überaus erfolgreichen Genre des
historischen Romanszu nähern. Walter Scott gilt als einer der Stammväter dieser literarischen Gattung. Was fasziniert viele Leser am Glanz vergangener Epochen?
Meine Vermutung ist, dass es hier um die Faszination geht, die darin liegt, Vergangenes wiederaufleben zu lassen, sinnlich fassbar zu machen. Gute historische Romane zeichnen sich deshalb durch geschichtliche Genauigkeit und Detailliebe aus. Der Erzählstil ist plastischen und zielt auf Realismus ab. Der Leser soll das Gefühl bekommen, das er auf eine Zeitreise mitgenommen wird. Er soll und will sich in das vermeintliche Lebensgefühl einer noch nicht von Technik und Industrialisierung entfremdeten geschichtlichen Periode zurückversetzen. Die dargebotenen Schicksale sind unmittelbarer, die Gefühle einfacher und direkter. Der problematische Hintergrund einer nur teilweise verstandenen, sich ständig verändernden Gegenwart wird durch die klarere, harmlosere Objektivität eines historischen Kulisse ersetzt.
Scott verfügte über die historischen Kenntnisse, um auf diesem Gebiet wegweisend zu sein. Sein Ivanhoe ist, obwohl mühsam zu lesen, ein schillerndes, lebendiges Werk von sprachlicher Kraft. Die Geschichte der englischen Sprache war Scotts Steckenpferd, und er ist deshalb in der Lage, seine Figuren englische Vokabeln benutzen, die dem zwölften Jahrhundert entsprechen und schon für die Leser seiner Zeit teilweise unbekannt waren. Für einen deutschen Leser ist deshalb die Lektüre im Original eine Herausforderung.
Der Roman ist kein Schwarz-Weiß-Gemälde. Gut und Böse sind nicht so klar getrennt, wie es zunächst scheint. Zwei schöne Frauen werden umworben, eine Jüdin und eine sächsische Adlige. Diese Handlung ist in eine Epoche gelegt, in dem der Konflikt zwischen Sachsen und Normannen in England zugunsten der Normannen entschieden war und sich eine Vermischung beider Völker andeutete. Auch auf der sprachlichen Ebene entwickelt sich aus dem sächsischen und normannischen das moderne Englische, worauf Scott explizit eingeht.
Ein hochrangiger Angehöriger des Templerordens hat es auf die schöne Tochter eines jüdischen Kaufmanns abgesehen. Gleichzeitig ist ein normannischer Ritter in eine sächsische Schönheit vernarrt. Die Damen werden entführt und in einer Burg gefangen gehalten. Es kommt zum Kampf, das Gute siegt. Die Schar der Retter wird verstärkt durch durch einen gewissen Robin von Locksley und sein
vogelfreienFreunde. Den kennen wir heute besser als Robin Hood und wissen spätestens jetzt, das wir in der Jugendliteratur angekommen sind.
Bemerkenswert ist, dass gerade die Anziehungskraft zwischen Angehörigen unterschiedlicher Volksstämme die Handlung vorantreibt. Der Titelheld Ivanhoe spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. Er bleibt eine blasse Figur, der schöne Held ohne Ecken und Kanten. Als ob Scott geahnt oder gewusst hätte, dass diese Figur den Roman nicht tragen würde, schickt er sie schon zu Beginn aufs Krankenbett: Ivanhoe wird auf einem Ritterturnier verletzt und erlebt von da an das Meiste nur noch vom Krankenbett. Er ist also nicht die wirkliche Hauptfigur, wie es der Titel verspricht. Handlungsträger ist vielmehr ein Dreigespann, bestehend aus dem schon erwähnten Templer und zwei Rittern. An diesen Figuren demonstriert Scott, wie die vielgepriesene
Macht der Liebeversucht, die Grenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen zu überwinden versucht. Das kann nicht gelingen. Aber wenn man diese Geschichte mit den Augen der Moderne liest, dann werden die Halunken zu Menschen, die an den Einschränkungen einer Standesgesellschaft scheitern. Ihre Handeln ist menschlich, ihr Scheitern tragisch und eine schöne Parabel auf die Problematik der Völkerverständigung.
Schade nur, dass das Judentum unbedingt durch die Person eines geldgierigen Kaufmanns dargestellt werden muss. Im heutigen Deutschland würde der Ivanhoe-Autor als Antisemit gelten.
Scotts Roman hat trotz seiner Langatmigkeit und Dialoglastikeit überlebt. Das liegt an den Stärken des Werks, die auch heute noch wirken, obwohl Scotts Sprachduktus längst zum alten Eisen gehört: Lebendige Schilderung des romantischen Mittelalters, eine bewundernswerte historische Sachkenntnis, Stoffe und Figuren, die für unzählige Spielfilme gut waren.
Donnerstag, 27. September 2007
Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe
Autobiographie ohne Ereignisse, ein Roman ohne Handlung.
Nicht einmal Anekdoten lockern die Reflexionen des Ich-Erzählers Bernardo Soares auf. Von ein paar beiläufigen biografischen Randbemerkungen abgesehen, erfahren wir im ganzen Buch über diese Figur nicht viel mehr, als dass sie als Hilfsbuchhalter in einem Textilgeschäft arbeitet.
Soares ist eine fiktiven Ersatzpersönlichkeit Pessoas, eines seiner sogenannten
Heteronyme. Weil nun diese Figur die ganze Zeit über sich selbst reflektiert, fällt es besonders schwer, den Autor Pessoa nicht mit dem Heteronym gleichzusetzen, das aus dem Buch der Unruhe spricht. Pessoa selbst hat jedoch strikt getrennt und bestimmte Gemütsverfassungen und Teilaspekte seiner eigenen Persönlichkeit bewusst unterschiedlichen Heteronymen zugeordnet.
Das Heteronym Bernardo Soares steht für eine radikale Verweigerung von Leben und Realität. Soares hält das Träumen für die einzige ihm gemäße Beschäftigung, den Traum für den alleinig erstrebenswerten Geisteszustand. Deshalb müsste dieses Werk eigenlich
Buch des Träumensheißen, denn das Träumen ist Thema, nicht so sehr die Unruhe. Aber nicht einmal die Träume werden in diesem Buch konkret, auch sie sind reduziert auf einzelne Bilder, die wiederum in Überlegungen zum Wahrnehmungs- und Realitätsbegriff eingebettet werden. Was genau dieses Soares träumt, bleibt dem Leser genau so sehr verborgen wie seine äußeres Leben.
Für Soares ist der Traum das bessere Leben, und deshalb versucht er, sich so oft wie möglich in einen traumähnlichen oder traumnahen Zustand zu begeben. Dementsprechend hat Pessoa laut eigener Aussage Soares die Feder ergreifen lassen, wenn er müde und schläfrig war.
Soares glaubt sich den meisten anderen Menschen überlegen auf Grund seiner Sensibilität, seiner übersteigerten Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft. Er sieht sich auf einer höheren Ebene, obwohl er unglücklich ist. Seine Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, macht ihn zu etwas Besonderem, hebt ihn ab von der dumpfen Triebhaftigkeit der
normalenMenschen. Jegliches materielle Ziel, auch die Liebe und die Sinnlichkeit, verachtet er. Es ist sinnlos, danach zu streben, denn nur im Traum ist Reinheit, Unbeflecktheit und Vollkommenheit möglich. Zur geschlechtlichen Liebe ist seiner besonderen Persönlichkeit wegen weder fähig noch willens.
Die Körperfeindliche, das Spirituelle und Metaphysische wirkt über lange Strecken ermüdend und repetitiv. Das Buch ist zu dick. Es enthält zu viele Wiederholungen. Das ist weniger Pessoa anzulasten, denn es sind Jahrzehnte zwischen seinem Tod und der Erstveröffentlichung vergangen. Das Manuskript besteht aus Hunderten loser Blätter mit schwer oder gar nicht zu entziffernder Handschrift. Hier standen die Herausgeber vor einer enormen editorischen Aufgabe, die sie leider auf eine fragwürdige Weise gelöst haben. Während die erste deutsche Ausgabe noch um die Hälfte kürzer war, hat man in der aktuellen Version die Strategie verfolgt, alle nur irgendwie dem Buch der Unruhe zuzuordenden Texte aufzunehmen. An vielen Stellen mussten unleserliche Worte durch Punkte ersetzt werden. Manches wirkt dadurch fragmentarisch bis hin zur Unverständlichkeit. Für eine historisch-kritische Ausgabe mag dies angemessen sein, nicht aber für ein Buch, das sein Publikum über die Fachzirkel hinaus finden möchte. Es ist bedauerlich, dass der Respekt vor einem großen Autor dazu geführt hat, die Schere völlig aus der Hand zu legen. Ich glaube nicht, dass dies im Sinne des Autors ist und bedauere es, nicht die erste deutsche Ausgabe gelesen zu haben, die noch den Mut zum Kürzen hatte.
Das Buch ist großartig in seiner Sprach- und Bildgewalt, und seiner gedanklichen Tiefe. Hätten die Herausgeber den Mut gehabt an den richtigen Stellen etwas wegzulassen, es könnte eine noch viel größere Wirkung erzielen. Fast ärgerlich stimmt es da, wenn man auf einer der letzten Seiten der Ausgabe eine Äußerung Pessoas bezüglich einer künftigen Veröffentlichung zu lesen bekommt:
Die Gestaltung des Buches sollte auf einer möglichst strengen Auswahl der überaus unterschiedlichen Textfragmente beruhen, ...Genau das haben die Herausgeber leider unterlassen.
In seiner jetzigen Form bedarf das Buch eines ausdauernden, ja verzeihenden Lesers. Er muss dem Buch seine Längen vergeben, genau wie er Bernardo Soares seine mönchshaftes Einsiedlertum und seine Menschenverachtung vergeben muss. Wenn er dazu bereit ist, findet er sich einem Einzelkämpfer und Rebellen gegenüber, den kennenzulernen unbedingt lohnenswert ist. In einer Welt, die so sehr wie die unsere an materiellem Denken orientiert ist, ist ein Bernardo Soares Revolutionär. Er verachtet alles Weltliche, verwehrt sich aber gleichzeitig jeglicher Religion und Weltanschauung. Er grenzt sein Ich so sehr gegen alles andere ab, dass es schließlich ganz verschwindet. Menschliche Individualität ist hier zu Ende gedacht worden und hat eine Ausdrucksform gefunden, die beunruhigend frei, beunruhigend einzigartig ist.
Vielleicht ist es deshalb eine gute Idee, beim nächsten Einkaufstrip mal an das Buch der Unruhe zu denken. Das Buch entzieht sich jedem Kommerz. In der sperrigen Ausgabe, in der es jetzt vorliegt, tut es das sogar noch mehr.
Sonntag, 22. Juli 2007
Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte
bezauberthat. Wir zählen inzwischen die siebzehnte deutsche Ausgabe, und es geht weiter. Woran liegt das?
Es ist nun einmal so: Der gemeine Leser muss lesen und für gut finden, was ihm von Presse und Kritik für gut verkauft wird, und was ganz vorne in den Bücherregalen steht. Wie soll er sich auch selbst zurecht finden im Bücherdschungel? Wenn dies nun Murakami ist, dann ist das einfach so, denn Murakami ist Murakami, den kennt man, und der ist ja so gut! Aber was haben wir denn da eigentlich vor uns liegen, wenn wir etwas genauer hinschauen?
Wir haben Shimamoto, die hinkende Jugendliebe eines jungen Japaners. Sie soll irgend etwas Geheimnisvolles haben, aber was, bleibt nur angedeutet. Die Jugendliebe verschwindet und taucht später wieder auf. Sie hinkt nicht mehr, weil sie sich hat operieren lassen, aber der Roman hinkt weiter. Uns wird erklärt, dass diese Frau nichts von ihrer Vergangenheit erzählt, immer mal wieder
eine Zeitlangverschwindet, um dann
wahrscheinlichwiederzukommen. Es wird versucht, dieses Banale Vokabular:
eine Zeitlang...
vielleicht... mit Bedeutung aufzuladen. Schließlich ist sie ja die große Liebe des Erzählers, und deshalb muss sie einfach geheimnisvoll sein. Aber die gefährliche Geliebte Shimamoto bleibt ein flacher Charakter, unglaubwürdig, ohne echtes Leben. Die Geschichte wirkt ausgedacht, auf den Effekt hin aufgebaut. Die üblichen dramaturgischen Tricks werden aufgefahren, um Romantik zu suggerieren: Gemeinsam Musik trinken, Cocktails schlürfen, den Inhalt einer Urne über dem Wasser verstreuen, mal schnell sterbenskrank werden und dann vom Geliebten gerettet werden, den gemeinsamen Freitod planen und so weiter ...
Das hat es alles schon gegeben, und zwar besser, und mit glaubhafteren Charakteren. Aber es verkauft sich gut, also kann es doch so schlecht nicht sein, oder?
Übrigens: Die Frage, welches Schicksal die
Gefährliche Geliebtedenn nun in ihrem Leben erfahren hat, wird nicht beantwortet. Der Leser darf Rätseln und Tiefsinn vermuten, wo keiner ist. Somit finden wir nicht nur keine Erotik, wir finden nicht einmal die Auflösung, also auch keine Befriedigung.
Donnerstag, 19. Juli 2007
Philip K. Dick: Der dunkle Schirm
Der dunkle Schirmist ein Roman über Drogenmißbrauch. Dick hat ihn von 1972 bis 1975 verfasst, nachdem er selbst eine schwere Krise, einen Selbstmordversuch und einen Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum für Drogenkranke überstanden hatte. Der Roman steht eindeutig in der Tradition der 68er. Er verarbeitet die dunkle Seite dieser Zeit, die Desillusionierung, die Zerstörung von Hoffnung und Idealen im Drogensumpf.
Einmal mehr stellt Dick unter Beweis, dass er keine Science-Fiction-Autor im eigentlichen Sinne ist: Er schreibt über die Gegenwart, seine Zeit, sein Leben und nutzt die Stilmittel der Science Fiction zu Entfremdung und Überzeichnungen. Inzwischen ist das Buch längst als das erkannt worden, was es tatsächlich ist, nämlich ein gesellschaftskritischer Gegenwartsroman.
Worum geht es? Bob Arctor arbeitet als Undercover-Agent im Drogenmilieu. Längst ist er selbst abhängig und verliert mehr und mehr den Bezug zu seiner Identität. Bald hält er sich in seiner Undercover-Identität und in seine Ermittlerrolle für zwei verschiedene Personen. Er beobachtet sich selbst, ja wird sogar dazu beauftragt. Die Grenzen zwischen dem Drogenmilieu und dem Staatsapparat, der den Drogenhandel bekämpfen soll, sind aufgehoben. Die Ermittlungsbehören mit ihren verdeckten Ermittlerin sind längst selbst Teil der Drogenszene geworden. Die Ermittler dealen und konsumieren genau wie diejenigen, die sie hinter Gitter bringen sollen. Jeder Dealer könnte genau so gut ein verdeckter Ermittler sein.
Den größten Raum nehmen Schilderungen ein, in denen auf komische Weise das absurde Verhalten der Junkies beschrieben wird, die zu keinem klaren Gedanken mehr fähig sind. Es gibt absurde Unterhaltungen, irrsinnige Anekdoten traurigen Zerfall. Schon die ersten Seiten geben den Ton an. Auf ihnen wird geschildert, wie Jerry Fabin eine Wahnvorstellung bekommt. Er glaubt sich von Wanzen befallen. Waschzwang, Insektenvertilgungsmittel, eingebildete Schmerzen, verrückte Suchaktionen, das ganze Programm. Jerry Fabin ist einer, der ganz am Ende steht. Sein Gehirn hat sich
zersetzt, er wird bald sterben oder in einer Drogenklinik vor sich hin vegetieren. So wird dem Leser schon auf ganz am Anfang vor Augen geführt, wohin der Weg des Protagonisten Bob Arctor unaufhaltsam führt. Auch er landet in einer Drogenklinik. Am Ende erfährt man, dass er immer noch, inzwischen ohne sein Wissen, als Undercover-Agent eingesetzt wird. Er soll die wahren Ziele der Hilfsorganisation
Neuer Pfad herausbekommen.Auf den letzten Seiten des Buchs sieht Arctor die Wahrheit und wir sehen uns endgültig einer Welt gegenüber, in der es nichts anderes mehr gibt, als den Anbau, den Verkauf und den Konsum von Drogen. Eine Welt, die sich selbst ad absurdum geführt hat.
Man kann den Roman guten Gewissens als einen Anti-Drogenroman bezeichnen, geschrieben von einem, der die Szene von innen kennt. Dick streitet das jedoch ab. Das Buch enthält ein sehr interessantes Nachbemerkung des Autors, in dem er auf die autobiografischen Bezüge des Romans hinweist und fast so etwas wie eine Deutung gibt. Auch das Nachwort von Christian Gasser ist lesenswert.
Der Roman bleibt erträglich durch seinen absurden Humor. Etwas schwer erträglich scheint mir die Übersetzung zu sein. Sie wirkt manchmal hölzern. Wer kann, sollte Dick vielleicht lieber im Original lesen.
Donnerstag, 5. Juli 2007
Noch mehr Mutmaßungen über Jakob
Die Blechtrommelvon Günter Grass.
Fast möchte man es ein Jugendwerk nennen, besäße es nicht schon in vollem Umfang jene Abgeklärtheit, Strenge und Distanziertheit, die Johnsons Prosa überhaupt auszeichnet.
Eine sehr erhellende Zusammenfassung findet man auf der Seite von Dieter Wunderlich. Das Buch erschließt sich äußerst schwer. Es gibt ständige Perspektivewechsel, sogar innerhalb derselben Szene. Oft ist nicht klar, wer denn nun gerade spricht und seine Sicht der Dinge auf den DDR-Eisenbahner Jakob Abs schildert. Jakobs Freundin Gesine ist mit zwanzig Jahren in den Westen gegangen und arbeitet dort als Übersetzerin. Im Verlaufe des Romans flüchtet Jakobs Mutter ebenfalls in den Westen, Gesine kommt zu Besuch, und Jakob erstattet einen Gegenbesuch. All dies geschieht unter den Augen der
Staatsmachtin Gestalt des des Herrn Rohlfs von der Spionageabwehr und seiner Kollegen.
Warum ist dies nun ein Roman, der in den Kanon der deutschen Literatur eingegangen ist? Der Autor Johnson war sehr überzeugt davon, dass sich mit Sprache Wahrhaftigkeit ausdrücken lässt. Genau das ist die Stärke auch dieses Romans. Er ist verdichtete, intensivierte DDR-Realität, ein Zeitdokument von großer Authentizität und Glaubwürdigkeit. Die Charaktere wirken echt und lebendig, und das obwohl die Prosa trocken und ereignisarm daherkommt. Wer verstehen will, wie in der DDR des Jahres 1965 Schicksale einfacher Menschen geprägt wurden durch den Absolutheitsanspruch einer bis tief ins Privatleben vordringenden Ideologie, der liest diesen Roman.
Jakob ist ein unpolitischer Mensch, zuverlässig, arbeitsam, mit einem unkomplizierten, geradlinigen Gemüt ausgestattet. So einer
funktioniertim besten Sinne des Wortes. Er ist ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, was versinnbildlicht wird durch seinen Beruf als Eisenbahner. Indem er den Zugverkehr koordiniert, hilft Jakob dabei, einen wichtigen Teil der Infrastruktur des Landes aufrecht zu erhalten. Wenn so einem staatsfeindliche Tendenzen unterstellt werden, dann führt sich die Staatsmacht selbst ad absurdum. Sie untergräbt ihre eigene Basis, indem sie das zerstört, was sie selbst am Leben hält: den Fleiß und die Loyalität des gemeinen Mannes.
Der Geheimdienstmann Rohlfs bekommt in diesem Roman selbst menschliche Züge. Er setzt sich gedanklich und emotional mit den Personen auseinander, die er observiert. Seine politische Argumentation gegenüber seinen Opfern ist differenziert, intelligent und persönlich. Letztlich bleibt er dennoch grausam und unerbittlich.
Einer wie Jakob kann nicht über Grenzen hinweg lieben. Seine Liebe zu
verwestlichtenGesine ist zum Scheitern verurteilt. Das Hin und Her seiner völlig normalen Liebesgeschichte geschieht unter den Augen der Staatsmacht, die ihm kein Geheimnis lassen möchte. Am Ende bleibt sein Tod ungeklärt. Im Sterben entzieht sich Jakob der Überwachung. Mit dem Ableben endet das Wissen über seine Person, es beginnen die Mutmaßungen. Er ist quer über die Gleise gegangen, ein Eigensinniger, der sich nicht mehr an die Spur hielt. So befreit er sich, indem er sich entzieht.
Der Roman setzt der Individualität des Menschen ein Denkmal. Es gibt immer einen Punkt im Leben eines Menschen, der sich nicht ausleuchten, nicht kontrollieren lässt. Dort gibt es dann nur noch die Mutmaßungen, die Mutmaßungen über Jakob.
Montag, 2. Juli 2007
Mutmaßungen über Jakob
Die
Da dachte ich,
Die Erzählperspektive wechselt ständig. Normalerweise ein Todesurteil für einen
Viele unterschiedliche Stimmen berichten über das unscheinbare Leben des gewissenhaften DDR-Eisenbahners Jakob Abs. Warum ist der zu Tode gekommen? - Das ist letztlich wohl nicht so wichtig. Wichtiger ist, was das für ein Mensch ist, nämlich ein harmloser, fleißiger, der einfach nur funktioniert als ein Rädchen im Überwachungsstaat. Und obwohl wir hier einen völlig Unpolitischen vorgeführt bekommen, kann der Überwachungsstaat nicht umhin, sich mit dem zu beschäftigen, ihn zu kontrollieren, zu manipulieren, zu ärgen.
Auf jeden Fall ist das eine beeindruckende Studie, wie die Wadenbeißer des real existierenden Sozialismus in das Leben Einzelner eingegriffen haben.
Jahrestagehatte 1700 Seiten, und ich hab's irgendwie überstanden.
Da dachte ich,
Mutmaßungen über Jakobvom selben Autor schaffst du jetzt locker auch noch. Irrtum! In diesem Buch tauchen zwar einige Figuren auf, deren Leben in
Jahrestagewesentlich breiter ausgeleuchtet wird, aber es ist ansonsten nicht zu vergleichen. Natürlich trifft man auch hier auf den unvergleichen Johnson-Stil mit der sprachlichen Exaktheit und dieser engen Verzahnung von realem Erzählhintergrund und Fiktion. Aber das Ganze ist Experimenteller und weitaus weniger homogen als die
Jahrestage
Die Erzählperspektive wechselt ständig. Normalerweise ein Todesurteil für einen
gewöhnlichenRoman. Angesichts der Tatsache, dass Johnsons Roman aus der Gegenwartsliteratur nicht wegzudenken ist, muss es dem Autor wohl gelungen sein, über dieses Ineinanderschieben unterschiedlicher Erzählstimmen etwas erreicht zu haben. Dazu kann ich vielleicht etwas sagen, wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe. Man merkt aber jetzt schon, wie dieses Buch gewirkt hat: Der Erzählduktus kommt mir aus anderen deutschen Gegenwartsromanen bekannt vor. Der Realismus, die scharf geschliffenen Beschreibungen, diese erzählerische Gewissenhaftigkeit bei jeglicher Abwesenheit von Humor, das alles glaube ich auch anderswo schon schlechter gelesen zu haben. Interessant! Man liest sowas und merkt plötzlich, dass hier etwas ist, von dem andere
abgeschriebenhaben, oder besser, das für andere Vorbild gewesen ist.
Viele unterschiedliche Stimmen berichten über das unscheinbare Leben des gewissenhaften DDR-Eisenbahners Jakob Abs. Warum ist der zu Tode gekommen? - Das ist letztlich wohl nicht so wichtig. Wichtiger ist, was das für ein Mensch ist, nämlich ein harmloser, fleißiger, der einfach nur funktioniert als ein Rädchen im Überwachungsstaat. Und obwohl wir hier einen völlig Unpolitischen vorgeführt bekommen, kann der Überwachungsstaat nicht umhin, sich mit dem zu beschäftigen, ihn zu kontrollieren, zu manipulieren, zu ärgen.
Auf jeden Fall ist das eine beeindruckende Studie, wie die Wadenbeißer des real existierenden Sozialismus in das Leben Einzelner eingegriffen haben.
Freitag, 15. Juni 2007
Uwe Johnson: Jahrestage (2)
Johnson verfugt übergangslos zwei Zeitebenen ineinander: Das New York von 1968 und das Mecklenburg-Vorpommern der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Übergänge sind nahtlos, sie erfolgen abrupt von einem Absatz zum nächsten. Nur aus dem Kontext ist zu erkennen, auf welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Da dieses Prinzip aber konsequent und sauber durchgehalten wird, ist die zeitliche Orientierung das geringste Lesehemmnis.
Ein größere Barriere stellt die Detailfülle dar, und die damit einhergehende Handlungsarmut, besonders auf der New Yorker Zeitebene, wo es nichts weiteres zu berichten gibt, als den Alltag der Angestellten Gesine Cresspahl und ihrer zehnjährigen Tochter.
Dies ist kein Spannungsroman, sondern eine Gesellschaftsstudie. Erst wenn man mit dieser Erwartungshaltung an das Buch herantritt, wird man ihm gerecht. Wir lesen hier eine literarisches Modell aller wichtigen Staatsformen des zwanzigstens Jahrhunderts: Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus. Dieser gesellschaftpolitische Hintergrund nimmt einen weitaus breiteren Raum ein, als die Geschichte selbst. Die Geschichte, das sind Kindheit und Jugend der Gesine Cresspahl im mecklenburgischen Kleinstädtchen Jerichow. Das ist darüber hinaus die Cresspahlsche Familiengeschichte und viele weitere Einzelschicksale.
Ein Unzahl von Biographien wird geschildert. Ihr Verlauf wird vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg, bis in die Erzählergegenwart der 68-er hinein ausgebreitet. Johnson schafft das, was große Epen ausmacht: Er spannt den Bogen über eine ganze Epoche, entwirft das Gesamtbild einer und legt einen geschlossenen erzählerischen Rahmen um die Einzelschicksale aller seiner Figuren. In dieser Hinsicht ist dieser Roman gelungen. Er bricht nicht auseinander, scheitert nicht an seinem großen Umfang, enthält keine Stilbrüche, keine (jedenfalls keine mir erkenntlichen) Inkonsequenzen oder Schwankungen.
Das erzählerische Konzept ist komplex, aber exakt definiert und wird konsequent durchgehalten: 365 Einträge, einer für jeden Tag vom 19. August 1967 bis zum 20. August 1968. Der Autor grenzt sein Format explizit ab gegen die Tagebuchform. Die einzelnen Abschnitte sind ihrem Wesen nach nicht Tagebucheinträge, sondern gehen darüber hinaus. Zwar beziehen sie sich auf den Kalendertag und zitieren oft aus der Tagespresse, enthalten aber auch stets Rückblicke in die Vergangenheit. Es sind
Einträge für den täglichen Tag, oder eben
Jahrestage.
Die Erzählperspektive ist nicht einfach diejenige Gesine Cresspahls, sondern es spricht die Erinnerungsstimme Gesines durch die Feder eines mit ihr befreundeten Autors, der nicht näher benannt und beschrieben wird. Gesine hat mit diesem Schriftsteller, der wohl Johnson heißen könnte, ein Abkommen getroffen: Er soll ihr Leben innerhalb eines Jahres in dieser Form zu Papier bringen.
Die Rückblicke in Gesines Kindheit erhalten ihren Rahmen dadurch, dass Gesine im Verlaufe des Jahres ihre gesamte Kindheit der Tochter Marie berichtet. Der Autor Johnson zeichnet diese Berichte auf. Wir haben also eine Dreieckssituation: Gesines Tochter ist die Zuhörerin. Gesine selbst ist die Sprecherin. Der Autor agiert als Protokollant im Auftrag und nach der Vorstellung Gesine Cresspahl. Er ist lediglich das ausführende Organ für die sprachliche Manifestation des Ganzen.
Warum kompliziert Johnson die Erzählperspektive, indem er einen auktorialen Erzähler hinzufügt? Warum beschränkt er sich nicht völlig auf die Perspektive Gesines, wo doch einzig ihr Erinnerungsmaterial und ihre Gegenwart Gegenstand sind? Der Text wirkt dadurch objektiver, glaubwürdiger! Johnson hat den Anspruch, eine Gesamtschau mehrerer Gesellschaftsformen abzuliefern. Das erfordert erzählerische Authorität. Diese Authorität würde leiden, spräche lediglich die kleine Angestelle Gesine Cresspahl über weltpolitische Ereignisse. Kurz: Der Erzähler im Hintergrund bewirkt eine Distanzierung von und eine Objektivierung der Protagonistin.
Genauso übergangslos wie zwischen den Zeitebenen wechselt der Text von der Ich-Form in die dritte Person, je nachdem ob das Subjekt Gesine Cresspahl oder der imaginäre Schriftsteller das Wort führt.
Damit wird das über mehrere Zeitebenen reichende gesellschaftliches Panorama erlebbar und fühlbar, ohne zur trockenen Sozialstudie zu verkommen. Gesine Cresspahls Erinnerung ist das emotionale Fluidum, welches dem Text das Leben einhaucht. Ohne sie hätten wir es mit einem trockenen Konvolut aus Einzelepisoden zu tun, dem der dichterischen Fluß fehlen würde.
Es gibt noch weitere solcher verbindender Elemente. Zu Beispiel ist Gesine Cresspahl akribische Leserin der Tageszeitung
New York Times.. Dort findet sie die tagesaktuellen Nachrichten, die ihr Anlass geben, über ihre Gegenwart zu reflektieren. Von dort schlägt sie den Bogen zu ihrer Vergangenheit, und weil wir durch die raffinierte Erzählweise an ihrer Erinnerung teilnehmen, nimmt sie den Leser mit auf eine Zeitreise und schlägt ihn in ihren Bann.
Johnsons Recherchen müssen akribisch gewesen sein. Das spiegelt sich in der Detailgenauigkeit wieder, mit der die gesellschaftlichen Verhältnisse in Gesines Heimatort Jerichow geschildert werden, und zar bis hinein in die lokalpolitischen Hahnenkämpfe. Wenn man sich darauf einlässt und die nötige Geduld und Ausdauer mitbringt, dann wird das Lesen irgendwann (nach ein paar hundert Seiten) zu einem berauschenden Erlebnis. Wer durchhält, dem wird klar: Hier hat einer Wirklichkeit in Sprache gefasst. Das Ganze ist so vielfältig, dass es in ein paar feuilletonistischen Absätzen nicht vollständig erfasst werden kann.
Mittwoch, 9. Mai 2007
Uwe Johnsons Jahrestage als Blog
Ich lese zur Zeit
Es wird die Familiengeschichte der Cresspahls erzählt, von Gesines Geburt an, ihre Kindheit im dritten Jahr, der Zusammenbruch, der Neuanfang im Osten unter kommunistischer Herrschaft. Der Vietnamkrieg spiegelt sich wieder in Zitaten und Verweisen auf die New York Times. Der Prager Frühling spielt eine entscheidende Rolle, und es ist bestimmt kein Zufall, dass der letzte Eintrag vom 20. August stammt, also ein Tag bevor die Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten.
Gesines Alltag im New York von 1968/1969 bildet die Rahmenhandlung und bringt neben Nationalsozialismus und Kommunismus die dritte wichtige Staatsform des zwanzigsten Jahrhunderts in diesen Roman ein.
Der Roman hat mehr als 1700 Seiten und spannt einen gewaltigen Bogen über die Gesellschaften der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Strukturgebend ist die chronologische, tagebuchähnliche Form, bei der jeder Eintrag sich auf einen Tag bezieht, ohne den Tag als solchen ausschließlich zum Gegenstand zu haben.
Indem Johnson sich dieses strenge Korsett anlegt, kann er mit Rückblicken, Zeitungsausschnitten und Exkursen aller Art arbeiten, ohne dass der Roman die Form verliert und zu einem zusammenhanglosen Konglomerat wird. Vielleicht ist das eine der großen Stärken dieses Buches: Es fällt nicht auseinander, sondern schafft tatsächlich die Klammer um mehrere Jahrzehnte der europäischen und amerikanischen Geschichte.
Fiktives wird so in den realen zeitgeschichtlichen Hintergrund integriert, dass es kaum noch zu unterscheiden ist. Die kleine mecklenburgische Stadt Jerichow dient als Modell, an dem in Form vieler Einzelschicksale der Weg Deutschlands ins Dritte Reich und wieder heraus geschildert wird. Die Stadt ist fiktiv. Ihr Werden und ihr Wandel im Laufe der Zeit wird umfassend beschrieben, bis hinein in die Querelen der Lokalpolitik, und bis zu städtebaulichen Details: Man nimmt dem Autor unwillkürlich ab, er habe eine die Geschichte einer realen Kleinstadt recherchiert.
Tatsächlich hat Johnson hier eine kleine exemplarische Welt erschaffen, um seine persönliche Analyse des dritten Reichs durchführen zu können.
Da ich mich zur Zeit mit Blogs beschäftige, finde ich die Struktur des Romans besonders interessant. Heutzutäge läge es nahe, den Roman im Internet in der Form eines Blogs zu veröffentlichen. Man könnte das Buch dann auf eine völlige neue Art und Weise lesen. Es treten im Verlaufe der 1700 Seiten viele Personen auf, verschwinden wieder, um erst einige hundert Seiten später wieder erwähnt zu werden. Wie nützlich wäre da die Suchfunktion eines Blogs! Um wie viele einfacher wäre es, Bezüge deutlich zu machen, Zusammengehörendes zu gruppieren: Man könnte Tags verwenden, mit deren Hilfe in Blogs thematisch zusammegehörige Einträge gekennzeichnet werden können.
Jahrestage als ein riesiger Blog! Für mich eine faszinierende Vorstellung!
Jahrestagevon Uwe Johnson. Untertitel:
Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. 365 Einträge vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968. Es ist kein Tagebuch, da das Alltagsleben von Gesine Cresspahl nur das Trägermedium für ein zeitgeschichtliches Panorama liefert.
Es wird die Familiengeschichte der Cresspahls erzählt, von Gesines Geburt an, ihre Kindheit im dritten Jahr, der Zusammenbruch, der Neuanfang im Osten unter kommunistischer Herrschaft. Der Vietnamkrieg spiegelt sich wieder in Zitaten und Verweisen auf die New York Times. Der Prager Frühling spielt eine entscheidende Rolle, und es ist bestimmt kein Zufall, dass der letzte Eintrag vom 20. August stammt, also ein Tag bevor die Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten.
Gesines Alltag im New York von 1968/1969 bildet die Rahmenhandlung und bringt neben Nationalsozialismus und Kommunismus die dritte wichtige Staatsform des zwanzigsten Jahrhunderts in diesen Roman ein.
Der Roman hat mehr als 1700 Seiten und spannt einen gewaltigen Bogen über die Gesellschaften der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Strukturgebend ist die chronologische, tagebuchähnliche Form, bei der jeder Eintrag sich auf einen Tag bezieht, ohne den Tag als solchen ausschließlich zum Gegenstand zu haben.
Indem Johnson sich dieses strenge Korsett anlegt, kann er mit Rückblicken, Zeitungsausschnitten und Exkursen aller Art arbeiten, ohne dass der Roman die Form verliert und zu einem zusammenhanglosen Konglomerat wird. Vielleicht ist das eine der großen Stärken dieses Buches: Es fällt nicht auseinander, sondern schafft tatsächlich die Klammer um mehrere Jahrzehnte der europäischen und amerikanischen Geschichte.
Fiktives wird so in den realen zeitgeschichtlichen Hintergrund integriert, dass es kaum noch zu unterscheiden ist. Die kleine mecklenburgische Stadt Jerichow dient als Modell, an dem in Form vieler Einzelschicksale der Weg Deutschlands ins Dritte Reich und wieder heraus geschildert wird. Die Stadt ist fiktiv. Ihr Werden und ihr Wandel im Laufe der Zeit wird umfassend beschrieben, bis hinein in die Querelen der Lokalpolitik, und bis zu städtebaulichen Details: Man nimmt dem Autor unwillkürlich ab, er habe eine die Geschichte einer realen Kleinstadt recherchiert.
Tatsächlich hat Johnson hier eine kleine exemplarische Welt erschaffen, um seine persönliche Analyse des dritten Reichs durchführen zu können.
Da ich mich zur Zeit mit Blogs beschäftige, finde ich die Struktur des Romans besonders interessant. Heutzutäge läge es nahe, den Roman im Internet in der Form eines Blogs zu veröffentlichen. Man könnte das Buch dann auf eine völlige neue Art und Weise lesen. Es treten im Verlaufe der 1700 Seiten viele Personen auf, verschwinden wieder, um erst einige hundert Seiten später wieder erwähnt zu werden. Wie nützlich wäre da die Suchfunktion eines Blogs! Um wie viele einfacher wäre es, Bezüge deutlich zu machen, Zusammengehörendes zu gruppieren: Man könnte Tags verwenden, mit deren Hilfe in Blogs thematisch zusammegehörige Einträge gekennzeichnet werden können.
Jahrestage als ein riesiger Blog! Für mich eine faszinierende Vorstellung!
Donnerstag, 1. Februar 2007
Thomas Hettche: Nox
Es muss irgendwo in Deutschland eine Schreibschule geben, die darauf besteht, dass Detailgenauigkeit, Faktenreichtum und Akribie bei der Recherche genügen, um einen guten Roman zu schreiben. Sie genügen nicht! Und es genügt auch nicht, eine Folge drastischer Szenen in einen einzigen Tag zu pressen, um atmosphärische Dichte zu erzeugen. Das hat früher bei Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" nicht richtig hingehauen, und es funktioniert bei Hettche im neuen Jahrtausend ebenfalls nicht.
Also gut: Die Mauer ist offen, man kann sich auf den Rücksitz eines Trabi setzen, dort koitieren und gleichzeitig über die Grenze fahren. Man kann sich Zigaretten auf der Haut ausdrücken lassen und dabei an die Heilung von Wunden denken, weil die Grenze ja auch so was wie eine Wunde gewesen ist. Na und? Da wird dick aufgetragen, und weil eben doch kein rechter Tiefsinn aufkommen möchte, immer dicker und dicker. Es klaffen die Wunden, es eskalieren die Exzesse. Das Ganze ist weder glaubwürdig, noch überzeugend.
Natürlich hat sich da wieder einer extrem viel Mühe gemacht, hat seine ganze Sprachgewalt bemüht, hat genau recherchiert, an den Sätzen gefeilt. Er kann schreiben, der Hettche, und er kann denken, nur kriegt er leider beides nicht zusammen. Über der Eleganz seiner Sätze hat er die einfachsten Fragen vergessen: Warum das alles? Warum die Maueröffnung mit einer klaffenden Wunde vergleichen, und nicht mit einer heilenden? Das Gegenteil wäre doch näher gelegen, oder? Bestimmt hat Hettche darauf eine kluge Antwort, und vielleicht steht sie sogar im Text und ich habe sie nicht gefunden. Sie würde mich nicht überzeugen, kännte ich sie, denn das Buch als solches überzeugt mich einfach nicht.
Seit Joyce' Ulysses gibt es immer wieder Autoren, die sich der Herausforderung stellen, die darin besteht, die Handlung eines Romans auf einen einzigen Tag zu konzentrieren. Der schon erwähnte Koeppen hat das vor Jahrzehnten getan, und es ist intellektualisierendes Epigonentum dabei herausgekommen. Zeitschmerz in feinstem Romandeutsch. Genau daran ist auch Hettche gescheitert: Am seinem klugen Kopf, an seinem literarischen Feinsinn, mit dem er seine wilden SM-Szenen nicht adelt, sondern ihnen das Leben entzieht. Sie sind nämlich nicht lebendig, sondern papieren. Das bisschen Glaubwürdigkeit ist im Bedeutungswust und im Faktenwahn verloren gegangen.
Ich wünsche mir wirklich, Hettche hätte ein wenig schlechter recherchiert und seine Sätze etwas gröber gelassen. Dann hätte er vielleicht mal Zeit und Muße gehabt, einen Schritt zurückzutreten und seinen Text platt und glatt gegen die Wirklichkeit zu halten. Er wäre dann unter Umständen sogar auf die Idee gekommen, die Lupe mal wegzulegen und mit seinen gesunden Augen hinzusehen. Dann hätte er sich gesagt: "Schreib doch bitte entweder eine SM-Geschichte, oder einen Wenderoman. Aber nicht beides gleichzeitig, das kriegst du nämlich nicht zusammen. Du nicht!"
Samstag, 20. Januar 2007
Doktor Schiwago
Was für ein Land! Was für Menschen! Dr Schiwago entstammt der Oberschicht des vorrevolutionieren Russland. Er ist ein sensibler, universell begabter Mann mit Interesse sowohl an Poesie und Naturbeobachtung, als auch an den Naturwissenschaften. Sein Verhalten und sein Charakter wird von ethischen und humanitären Maßstäben bestimmt. Folgerichtig wird er Arzt.
Die grausame Geschichte Russlands verhindert eine glanzvolle Karriere, die seinen Begabungen entsprochen hätte. Er wird im ersten Weltkrieg als Frontarzt zwangsverpflichtet, dann bricht die russische Revolution aus. Es gibt bittere Hungersnöte in kalten Wintern. Er flüchtet mit seiner Familie in den Ural, wird von Partisanen entführt und gezwungen, ihr Feldarzt zu werden und und und ...
Der Roman ist auch ein Liebesgeschichte, aber er ist vor allem eine Geschichte Russlands. Tragik ist nicht der richtige Ausdruck für das Geschehen, weil ihm dazu die Unvermeidlichkeit fehlt. Es sind stets Menschen, die entscheiden, und sie könnten auch anders. In der Weite langer kalter Winter bewegt sich eine leidgeprüften Volksseele auf einen Abgrund zu.
Langsam zieht die Revolution herauf, der Bürgerkrieg. Er kündigt sich erst durch unheilvolle Vorzeichen an, wird dann allmählich stärker, grausamer allumfassender. Der Krieg verbündet sich mit der Tundra und ihrer Winterkälte, mit den Eitelkeiten und den Dummheit der Menschen, er zerstört uralte Traditionen und gewachsene Strukturen.
In alledem versucht Schiwago, sich seine Menschlichkeit zu bewahren. In einem Güterwaggon reist er nach Sibirien, muss die Geleise vom Schnee freischaufeln und kann dabei (einer völlig ungewissen Zukunft entgegensehend) dennoch die Schönheit der Scheelandschaft genießen und Gedichte schreiben.
Er liebt Lara, die er von Jugend auf kennt und mit der er erst viel später zusammenkommt. In dieser Liebe findet der Roman seinen Höhepunkt, denn sie kann sich in der neuen nachrevolutionären Zeit nicht erfüllen: Regimeterror und Denunziantentum lassen nicht mehr zu, dass blüht, was blühen möchte. Seine nicht-proletarische Herkunft und sein lebenslanges Ringen um Familienglück, ja nur ums nackte Überleben, haben genügt, ihn zu einer unerwünschten Person werden zu lassen, die jederzeit mit ihrer Verhaftung rechnen muss.
Lara und Schiwago lieben sich trotzdem. Sie leben den unmöglichen Traum, flüchten in die Einsamkeit, Wölfe schleichen ums Haus und es ist klar, es wird nicht gehen. Letztlich ist es Laras Wunsch, einfach nur zu überleben, der beide wieder auseinandertreibt. Sie sind noch nicht mal vierzig Jahre alt. Da ist es einfach noch zu früh zum Sterben.
Lara ist der schöne Engel in diesem Roman, aber sie ist auch ein Opfer ihrer Weiblichkeit und der Willkür eines Mannes, der sie in jungen Jahren verführt und manipuliert. Tugendhaftigkeit und Sinnlichkeit vereinen sich in ihr, ohne zu einem Widerspruch zu führen: Letztlich strebt auch sie wie Schiwago nur nach Normalität und Liebe. Auch sie ist ein Spielball der Zeitgeschichte, der immer dann wieder fortgetragen wird, wenn er gerade einmal zur Ruhe gekommen ist.
Die Hauptfiguren des Romans wollen einfach nur leben, die Betonung liegt auf einfach. Das korreliert mit der Aussage Pasternaks, der sich schon früh vorgenommen hatte, ein "ganz einfaches" Buch zu schreiben. Damit wollte er wohl auch ausdrücken, dass es vom theoretischen Ballast des Zeitgeistes frei sein sollte. Es sollte ein Buch sein, dass die Geschichte so erzählt, wie sie gewesen ist, und wie sie empfunden worden ist, und nicht mehr. Das ist ihm sicher gelungen, obwohl Pasternaks poetisches Naturell ihn daran hindert, zum vollkommenen Realisten zu werden.
Trotzdem gibt es Stellen in dem Buch, in denen Weltanschauliches und explizit Politisches einfließt. Das macht das Buch erst Recht zu einem russisches Buch, denn es verankert sich dadurch in der Tradition russischer Romanliteratur: Diese hatte immer schon eine Tendenz, das menschliche Einzelschicksal in einen geschichtlichen oder gesellschaftlichen Kontext einzubinden. Man denke nur an Tolstois Krieg und Frieden, man denke auch an Dostojewski.
Die großen Romane Russlands sind immer Romane, in denen man gewissermaßen durch ein mit Eisblumen der Fantasie bewachsenes Fenster einen Blick auf das dunkle kalte Land und seine warmen Menschen werfen kann.
Ja, in Doktor Schiwago brennt die Glut des eisernen Ofens im russischen Haus. Der Sturm der Zeit weht das Dach davon, und darunter frieren die Menschen. Sie haben es schwer, sie leiden, sie lieben und kämpfen. Der Ofen brennt weiter und Schneeflocken fliegen darauf. Das ist für mich Russland.
Samstag, 25. November 2006
Philip K. Dick: UBIK
Es gibt Paronormale (Telekinetiker, Telepathen) und sogenannte Inerte, die die Fähigkeiten der Paranormalen wieder aufheben. Glen Runciter besitzt eine Firma, die unerwünschte paranormaler Ein- und Angriffe durch sein Team aus Inerten bekämpft. Joe Chip, die Hauptfigur ist einer seiner Angestellen. Der Roman enthält eine Fülle unglaublicher Ideen, wie die Realität aus den Fugen geraten kann: Die Zeit scheint rückwärts zu laufen, Menschen verfallen innerhalb von Minuten zu Staub, Geldscheine sind plötzlich nicht mehr gültig, weil sie aus einer ganz anderen Epoche stammen oder plötzlich mit einem Bild von Glen Runciter bedruckt sind.
Aber vor allem hat man in dieser Welt die Verleugnung des Todes auf die Spitze getrieben. Tote werden nicht begraben, sondern in Kaltpackung gelegt. In diesem konservierten Zustand werden die Leichen in sogenannten Moratorien aufbewahrt. Eine geringe Menge an Restvitalität kann auf diese Weise in ihnen konserviert werden, und man kann sie für wenige Stunden über ein Kommunikationssystem wieder aufwecken und per Lautsprecher und Mikrophon mit ihnen kommunizieren. Mit jedem Aufwecken wird die Restenergie des Verstorbenen geringer, man darf deshalb den Kontakt nur selten herstellen, wenn man sich das "Halbleben" möglichst lange erhalten möchte.
Die Verleugnung des Todes, und damit der Nicht-Existenz ist das zentrale Thema dieses Romans. Joe Chip reagiert merkwürdig gelassen, als er zu ahnen beginnt, dass sein Tod vielleicht schon eingetreten ist. Der ganze Roman erzählt kontinuierliche seine Geschichte, und es gibt keinen Bruch an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod. Es gibt einfach überhaupt kein Sterben: Leben und Halbleben gehen fließend ineinander über, und das wird über eine brillante Erzähltechnik fühlbar gemacht.
Wessen Körper nicht mehr lebensfähig ist, der kommt in Kaltpackung. Es scheint fast bedeutungslos zu sein, in welchem der beiden Zustände man sich befindet. Der Zustand des Halblebens aber hat die ärgerliche Eigenschaft, dass die Wirklichkeit zu zerfallen beginnt. Joe Chip kämpft dagegen an. Alle andere auch. Und um diesen Kampf geht es, um die skurrilen Versuche der Figuren, sich um jeden Preis gegen das Nichtsein zu wehren. In letzter Konsequenz bedeutet das, dass man sich einen Traum schaffen muss. Wer nicht mehr leben kann, träumt, um weiterleben zu können. Erst wenn die Kraft zum träumen verloren geht, erst dann fühlt man die Kälte der kryonischen Sarges, in dem man liegt. Und erst, wer gar nicht mehr träumt, ist richtig tot.
Das Buch hat schon viele beschäftigt und hat auch bestimmt noch eine lange Rezeptionsgeschichte vor sich. Dick hat einmal gesagt. "Der Gedanke an den Tod macht mich verrückt." Also hat er dem Unvermeidlichen den Kampf angesagt, und damit ein allgemein menschliches Thema aufgegriffen. Genau das ist Kunst in ihren besten Momenten: Ein genialer Versuch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Dick hat gezeigt, dass es nicht geht. Er ist tot, aber sein Roman wird weiterleben. So ist das nun mal mit guten Büchern.
Man sollte es lesen. Und man sollte nicht denken, dass ich schon alles über seinen Inhalt verraten habe. Es bietet noch viele Überraschungen ...
Mittwoch, 1. November 2006
Philip K. Dick: Eine andere Welt
In Eine andere Welt geht es um den Fernsehmoderator Jason Taverner, dessen Realität sich dergestalt verändert, dass niemand mehr ihn kennt. Es gibt keine Aufzeichnungen über ihn, nicht einmal eine Geburtsurkunde, seine Fernsehsendungen sind nie gesendet worden, und seine Freundin kennt ihn nicht.
Die Welt, in der er lebt, ist von staatlicher Kontrolle dominiert. Ohne gültige Ausweispapiere kann man sich nicht einmal auf die Straße trauen. So zieht Taverner los, verschafft sich gefälschte Ausweispapiere und versucht das Rätsel seines Identitätsverlustes zu begegnen und sich selbst wieder zu
legalisieren. Dabei ist ihm jedoch bewusst, dass es eigentlich aussichtslos ist: Wer den
Polseinmal aufgefallen ist, der hat verloren. Nur Anonymität oder Berühmtheit schützt vor Verfolgung, und beides hat er verloren, denn weil er sich nicht legitimieren kann, hat sich die Polizei schon an seine Fersen geheftet.
Taverner ist das Produkt eines Eugenik-Projekts, ein sogenannter Sechser. Das sind Menschen mit ausgewählten Genen und besonderen körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Er ist sehr von sich selbst überzeugt. Seine Attraktivität für Frauen versucht er gezielt einzusetzen. Im Verlaufe des Romans begegnet er mehreren sehr unterschiedlichen Frauenfiguren. Er hat aus kühler Berechnung Sex mit ihnen oder versucht sie auf andere Weise auszunutzen, um der Geheimpolizei zu entgehen. Dabei lernen wir mehrere unterschiedliche Frauenschicksale kennen.
Auch die Polizei ist kein anonymes Machtinstrument, sondern trägt ein Gesicht. Das ist gerade das Spannende an dem Roman: Es gibt keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. In diesem totalitären Staat sind eigentlich alle Opfer. Einer der höchsten Polizeibeamten hat ein inzestuöses Verhältnis mit seiner drogensüchtigen Schwester. Er ist ein Gefangener dieser fatalen Leidenschaft, genau wie Taverner letzlich ein Gefangener seiner Überheblichkeit ist.
Deshalb ist diese Utopie völlig anders als die orwellsche Vision des Totalitarismus. Bei Orwell hat die absolute Macht kein Gesicht, der
Große Bruderist nur ein Bild. Bei Dick dagegen sind die Verfolgten genau wie die Verfolger denselben Gesetzmäßigkeiten ausgeliefert. Die Repräsentanten der Macht sind nicht wirklich mächtig: Über ihre menschlichen Schwächen und ihr egoistisches Streben nach individuellem Glück werden sie denen, die sie unterdrücken, letztlich gleich.
Über allem liegt der Dunst der Nixon-Ära in den beginnenden Siebzigern der USA. Unter der Fuchtel staatlichen Kontrollwahns windet sich die Menschlichkeit, und die Täter sind nur die Opfer aus der zweiten Reihe.
Montag, 25. September 2006
Valis - Die ultimative Dick-Trilogie
Valis,
Die göttliche Invasionund
Die Wiedergeburt des Timothy Archer.
Es ist keine Neuerscheinung, aber eine Neuentdeckung für mich, und eines jener Werke, die Bestand haben werden, obwohl sie sperrig sind, obwohl nur wenige sie lesen werden, und obwohl (oder gerade weil) sie letztendlich ein Scheitern dokumentieren.
Zwar werden drei völlig unterschiedliche Geschichten erzählt, trotzdem bilden die Romane eine Einheit. Das Thema, das Zentralmotiv des Autors ist offensichtlich und oft benannt; es zieht sich als roter Faden durch alle drei Bücher: Immer geht es um die Suche nach Gott, um Offenbarungen, göttliche Zeichen, letztlich um obskuren Mystizismus, um Wahnvorstellungen und - wie immer bei Dick - um den Realitätsbegriff.
Es ist allgemein üblich, Dick mit solchen Vokabeln zu beschreiben. Aber hat man ihn mit diesen Schlagwörtern schon ausgelotet? Nein!
Dicks Gedankenspiele sind ausgefeilt und ausgereift. Sie machen keinen Sinn, wirken absurd, abstrus, banal, lachhaft - und sind doch stets strukturiert, durchdacht, komponiert. Der Leser wird geführt und in Bann geschlagen, manchmal ohne dass es ihm bewußt wird. Wer damit beginnt, Valis zu lesen, der stellt sich sofort die Frage, ob der Verfasser dieses Werks nicht psychisch krank gewesen ist. Und genau mit dieser Frage ist er auch schon mitten im Roman angekommen, denn die fiktiven Gestalten stellen sich ebenfalls diese Frage. Der Autor, mehrmals gebrochen und gespiegelt in zwei Charakteren, stellt sich ebenfalls diese Frage. Und aufbauend auf dieser Frage nach der geistigen Gesundheit weiter hineingezogen in eine der sonderbarsten Erlösertheorien, die je zu Papier gebracht worden sind ...
Wer mehr lesen will, der mache sich darauf gefasst, dass diese Bücher genau so sperrig und mühsam zu lesen sind, wie es die Realität nun mal eben auch ist ...
Dienstag, 1. August 2006
Wolfang Koeppen: Tauben im Gras
Zu diesem Zweck habe ich Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen gelesen. Der Großkritiker schreibt über dieses Buch:
Wer diesen Roman nicht gelesen hat, der solle nicht glauben, er kenne die deutsche Literatur nach 1945
Ich habe wissen wollen, ob er Recht hat und ob das nun DIE große Literatur schlechthin ist.
Tauben im Gras ist ein Panorama der Nachkriegszeit. In der Tradition von Joyce' Ulysses wird ein einziger Tag in München 1949 beschrieben. Die Lebenswege verschiedener Personen, die alle mehr oder minder stark unter den Folgen des 2. Weltkriegs leiden, überschneiden sich.
Die Grundstimmung des Buches ist düster bis depressiv. Alle leiden, keinem gehts gut, eine Zukunftsperspektive scheint niemand zu haben, und es gibt offenbar nichts Problematischers als schwarze Besatzungssoldaten. Die Frauen, die mit diesen ins Bett gehen, schämen sich natürlich und leiden ganz füchterlich unter der Situation.
Das Buch ist sprachgewaltig, aber ich finde, man merkt ihm die Mühe an, mit der es vermutlich geschrieben wurde. Die allgegenwärtige Trostlosigkeit scheint mir allzu sehr eine Trostlosigkeit des Autors zu sein, dessen ausdrucksarme Visage passenderweise die Titelseite ziert. Der Stil ist "substantiv-lastig", es gibt endlose Reihungen, die dazu dienen, die Alltagsmühsal der Figuren detailreich zu illustrieren.
Eigentlich erfährt man das, was man sich über die Nachkriegszeit schon hat denken können: Alter Tafelschmuck musste verkauft werden, so er denn noch zu finden gewesen ist, die Amis allüberall, niemand weiß wies weitergeht, unterschwelliger Fremdenhass u.s.w.
Ich kann nicht beurteilen, ob die Zeit damals wirklich so gewesen ist, M R-R schon, denn er gehört dieser Generation an, um die es geht. Deshalb lese ich dieses Buch mit anderen Augen, als ein Zeitgenosse. Hier mein Urteil als einer, der im 21 Jahrhundert angekommen ist:
Ich finde, dass man Koeppen sein Joyce-Epigonentum anmerkt. Aber während Joyce unglaubliche lyrische, um nicht zu sagen poetische Qualitäten hat, kommt die Prosa eines Koeppen trocken und schwerfällig daher.
Das Buch wirkt staubig und trostlos. Ich finde nicht, dass es den Sprung ins nächste Jahrtausend geschafft hat. Besonders den Handlungsstrang mit der deutschen Carla, die von einem kräftigen Schwarzen Ami-Sportler beschlafen wird, wirkt auf mich plakativ und klischeebeladen. Carla will unbedingt abtreiben, weil sie die Vorstellung nicht mehr ertragen kann, dass dieser Mischlingsbalg in ihrer heranwächst. Ähnliches könnte man sich auch gut in einer heutigen Daily-Soap vorstellen. Natürlich: Koeppen wird nicht trivial, aber in meinen Augen ist seine Literatur nicht nur NICHT im neuen Jahrtausend angekommen, sondern hat schon früher nicht den Sprung in die Nachkriegszeit geschafft. Für mich ist es das Buch eines Miesepeters, der sich im Leben nie wohl gefühlt hat. Koeppen hat in einer Zeit voller Umwälzungen zwar modern geschrieben, aber er hat die verengte Sicht eines vom Leben enttäuschten Greises in alle Winkel getragen.
Abonnieren
Posts (Atom)