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Freitag, 26. März 2010

Das Beunruhigende im Fall Kachelmann

Das Beunruhigende im Fall Kachelmann, ist das, was er für unser Menschenbild impliziert. Wir haben den Mann als eine Frohnatur erlebt, Spontan-Sympath und Strahlemann.

Wenn dieser Mann tatsächlich einen Ausraster hatte, oder vielleicht sogar die viel beschworene dunkle Seite, dann muss dass auf jeden anderen Mann zutreffen. (Dies jedenfalls legt die Medienberichterstattung nahe.) Der Fall Kachelmann liese dann keine andere Schlussfolgerung zu. Es gäbe keinen Mann mehr, für den eine solche Tat undenkbar wäre. Es gäbe keine Frau mehr, die das nicht ihrem Mann, jedem Mann zutrauen müsste.

Diese Vorstellung macht uns Sorgen.

Donnerstag, 25. März 2010

Ach du lieber Kachelmann, alles ist hin.

Jörg Kachelmann der Vergewaltigung angeklagt. Hat er's getan, oder hat er es nicht getan?

Das wäre eigentlich Stoff für einen Kriminalroman, jedenfalls wenn nebenbei noch ein Mord geschähe. In einem Krimi wäre am Ende auch klar, was passiert ist, und was nicht.

In der Realität kann man nicht sicher sein, dass die Dinge jemals so klar werden. Da gibt es viele Meinungen, viele Medien, und die Wahrheit bleibt schnell mal auf der Strecke.

Was mich an dieser Geschichte persönlich so beeindruckt: Sie verdeutlicht, wie wenig einjedes, auch das glücklichste Menschenleben gegen plötzliche Wendungen gefeit ist. Das gilt für den Mann und für die Frau ...

Montag, 22. März 2010

Margaret Moth ist gestorben

Margaret Moth, die Kriegsfotografin, war eine Frau mit einem verblüffenden, einem beeindruckenden Verhältnis zum Tod. Sie hatte keine Angst davor, und hat das offenbar in verschiedenen Kriegsgebieten eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Da lag es nahe, ihr schon zu Lebzeiten eine Todessehnsucht zu unterstellen. Um so erstaunlicher kommt es mir vor, dass genau dies eben nicht der Fall gewesen ist. Margaret Moth war äußerst lebenslustig. Aber irgendwie hat sie es geschafft, nicht am Leben zu hängen, sondern das Sterben als einen wesentlichen Teil davon nicht nur anzuerkennen, sondern sogar neugierig darauf zu sein. Ich glaube ihr, dass sie keine Angst gehabt hat ...

Donnerstag, 11. März 2010

Winnenden - 1 Jahr danach

Vor einem Jahr was das: eine 9-Millimeter-Waffe. Diese Waffengattung ist nicht olympisch, kann dicke Mauern durchschlagen, Metall durchschlagen. Solche Waffen werden in Deutschland immer noch von sogenannten Sportschützen eingesetzt.

In den einschlägigen Reportagen zu Winnenden ist es zu sehen. Da streuben sich einem die Haare: Immer noch Jugendliche mit diesen völlig sinnlosen 9-Millimeter am Schießstand. Man kann offenbar nicht jung genug sein, um damit anzufangen. Auch Winnenden schießen sie scheinbar immer noch auf die Pappscheiben. Wenn auch nur einer dabei ist, einer von den vielen, der einen seelischen Schaden hat, der austickt, dann passiert es wieder ...

Gabs da nicht mal einen Aufschrei in der Politik, man müsse die Waffengesetze verschärfen? Offenbar hat man nur ein paar scheinheilige kosmetische Korrekturen vorgenommen. Die Schießerei geht weiter!

Donnerstag, 11. Februar 2010

Grundsätzliche Überlegung zum Thema Gut und Böse

Wäre ich damals im Russlandfeldzug dabei gewesen, als Deutschland noch unter dem Hakenkreuz stand, und hätte ich erlebt, wie es allmählich zu Ende geht. Was hätte ich getan?

Hätte ich erkannt, dass ich auf der Seite der Bösen stehe? Wahrscheinlich nicht. Gehen wir aber mal davon aus, ich hätte es erkannt und hätte beschlossen, die Seiten zu wechseln.

Sagen wir, ich wäre vor Stalingrad gelegen und hätte irgendwann beschlossen, die weise Fahne zu schwenken und zu den Russen überzulaufen. Ich hätte vielleicht sogar mit denen kolaborieren wollen, hätte ihnen alles verraten, was ich über die deutschen Stellungen gewusst hätte. (Nicht viel, nehme ich an.)

Nach dem Krieg hätte ich vermutlich nicht nach Deutschland zurückkehren wollen. Ein Überläufer hätte es nämlich auch im Nachkriegsdeutschland nicht einfach gehabt. Gehen wir also davon aus, ich wäre in Russland geblieben.

Dann wäre ich mitten in den Stalinismus geraten. Hinein in die schlimmsten Zeiten. Mit anderen Worten: Ich wäre von den Bösen zu den Bösen übergelaufen.

Also hätte ich besser an der Westfront kämpfen müssen. Dann hätte ich eine Chance gehabt, zu den Amis überzulaufen. Die haben sich schliesslich nach dem Krieg als die wahrhaft Guten herausgestellt.

Spätestens beim Vietnamkrieg hätte ich auch bei den Amis meine Zweifel bekommen.

Mit dem Guten und dem Schlechten scheint es nicht so einfach zu sein, hätte ich gedacht. Aber dann wäre ich ja schon in Rente gewesen. Ich hätte mit den Schultern gezuckt. Vielleicht hätte ich gesagt: "Wenigstens ein paar Jahre lang richtig gut gelebt." Das jedenfalls soll Feldmarschall Göhring gesagt haben, als er schon lange nicht mehr Feldmarschall war, sondern nach nach den Nürnberger Prozessen auf seine Hinrichtung wartete.

Es ist wohl besser, ich beschäftige mich nicht nicht länger mit der Frage, wie ich mich im zweiten Weltkrieg verhalten hätte.

Freitag, 5. Februar 2010

Zahlenvergleich

Die gestohlenen Daten aus der Schweiz sollen dem deutschen Finanzamt bis zu 500 Millionen Euro hinterzogener Steuern einbringen. Derzeit wird darüber diskutiert, ob der Staat für solche Daten einem Dieb 1,5 Millionen Euro geben wird.

In Deutschland herrscht die Meinung vor, dass es hier doch um sehr viel Geld geht, sehr viel!, und man konstruiert daraus ein moralisches Dilemma. Viele sagen, ohne "Illegales" ginge im Kampf gegen das böse böse Unrecht der Steuerhinterziehung ohnehin nichts.

Zur selben Zeit meldet der Herr Ackermann von der Deutschen Bank eine Gewinn NACH Steuern für sein letztes Geschäftsjahr von 5 Milliarden. Ich wiederhole: 5 Milliarden. Das ist das zehnfache des Betrag, der angeblich von Schweizer Konten zu holen ist. Dieser Gewinn wird in einer Branche gemacht, für deren Unterstützung der Staat vor kurzem bereits Milliarden ausgegeben und riskiert hat.

Also: Hier in Deutschland bleiben 5 Milliarden übrig, in den Taschen der deutschen Bankiers. Dort läuft man 500 Millionen hinterher, die in die Taschen Schweiz Bankiers gewandert sind. In Abwandlung eines alten Sprichtworts gilt: Besser die Taube auf dem Dach, als den Spatz in der Hand.

Dienstag, 17. März 2009

Winnenden: Die Waffe

Es gibt viele offensichtliche Parallelen zwischen Erfurt und Winnenden. Der Schützenverein zum Beispiel. Was mich bei diesen Vereinen verwundert, ist die Tatsache, dass dort offenbar nicht nur mit speziellen Sportwaffen geschossen wird. Ich bin in meiner Naivität bisher davon ausgegangen, dass Sportschützen Waffen benutzen, die für ihren Sport speziell ausgelegt sind. Aber anscheinend werden dort Waffen eingesetzt, die auch von Polizisten oder Soldaten eingesetzt werden. Ist das richtig und muss das so sein?

Darf man bei solchen Waffen nach ihrem Verwendungszweck fragen? Wenn sie nicht speziell für den Schützensport entwickelt worden sind, wozu dann? Genügt es wirklich, von einer Waffe zu wissen, dass sie den Zweck hat Menschen zu töten? Wenn diese Waffe keinen legitimen, offiziellen Verwendungszweck hat, für den sie hergestellt worden ist, was hat sie dann in Deutschland zu suchen? Was hat sie in Winnenden zu suchen?

Offensichtlich passieren solche Amokläufe genau dann, wenn ein dazu prädestinierter labiler Jugendlicher an solche Waffen kommt. Die Waffe muss verfügbar sein. Sonst passiert gar nichts. Da frage ich mich natürlich, wie viele andere potenzielle Amokläufer nur deshalb nicht zur Tat schreiten, weil sie nicht an eine Waffe kommen.

Montag, 16. März 2009

Winnenden: Igor W. hat Glück gehabt

Igor W. ist der Mann, den Tim K. als Geisel genommen und gezwungen hat, ihn in seinem Auto nach Wendlingen zu fahren. Deshalb ist er vermutlich der Einzige, der mit dem Amokläufer während seiner Tat gesprochen hat. Alle rätseln über das Motiv. Vielleicht könnte Igor W. etwas dazu sagen. Er hat überlebt, hat dabei wahrscheinlich noch Glück gehabt, ist in einem günstigen Moment aus dem Wagen gesprungen. Da der Täter wahllos Leute erschoss, gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass er Igor W. verschont hätte.

Nun ist Igor W. in einer merkwürdigen Lage. Einerseits muss er bestimmt einen schweren Schock verarbeiten, andererseits ist heißbegehrt bei den Medienleuten. Er muss sich schnell entscheiden, wie er sich gegenüber den Journalisten verhält. Er könnte sich ganz zurückziehen und sich von seinem Schrecken erholen. Es genügt ja, wenn er der Polizei erzählt, was er weiß. Er könnte sich durchreichen lassen von einer Talkshow zur nächsten, von einem Interview zum anderen.

Er könnte aber auch auf den hören, der ihm sagt: Machen Sie das Beste aus ihrer Situation. Sie können sich nicht verstecken vor der Öffentlichkeit. Aber sie brauchen sich auch nicht zerfleischen zu lassen. Wählen Sie die goldene Mitte, unterzeichnen Sie einen Exklusivvertrag. Damit ist allen gedient: Die Öffentlichkeit wird informiert, wir schützen Sie vor der neugierigen Konkurrenz und Sie verdienen sogar noch ein bisschen dabei.

Und genau für diese Möglichkeit hat sich Igor W. entschieden: Er hat einen Exklusivvertrag unterschrieben. Wer mag ihm das verdenken? Vielleicht ist jetzt eine neues Auto drin. Mit dem Alten fährt er womöglich nicht mehr so gerne. Womöglich kann er ein paar alte Schulden zurückzahlen.

Ich mache Igor W. keine Vorwürfe. Vielleicht hätte ich mich genau so verhalten. Vielleicht auch nicht. Das kann ich nicht sagen, weil ich mich nie in einer vergleichbaren Situation befunden haben. Ich hätte aber bestimmt ein ungutes Gefühl, an seiner Stelle.

Es ist keine Woche vergangen, und schon lassen sich mit sechzehn toten Menschen gute Geschäfte machen. In den Zeitungen steht schon etwas von Trauerarbeit, und vom allmählichen Zurückfinden zur Normalität. So schnell geht das also? Anfang der Woche hast du mit ansehen müssen, wie deiner Mitschülerin ein Loch in den Kopf geschossen wurde. Sie hatte den Schreibstift noch in der Hand, da war sie schon tot. Heute darfst du schon wieder in die Schule gehen und mit der Trauerarbeit anfangen. Es fragen schon die ersten, wie lange es wohl dauert, bis man drüber weg ist. Warum so ungeduldig, frage ich zurück?

Ich war nicht dabei in Winnenden. Ich habe auch noch nie etwas so Schlimmes erlebt. Ich hatte schon böse Erfahrungen, harmlos im Vergleich zu Winnenden. Selbst bei dem, was ich erlebt habe, konnte ich nach einer Woche auch nicht ansatzweise erfassen, was es bedeutete, und bin bis heute nicht drüber weg . Die in Winnenden, die sind angeblich schon mitten in der Trauerarbeit. Ich kann das nicht glauben.

Hoffentlich findet Igor W. die richtigen Worte, wenn er denn endlich im Studio sitzt und gefragt wird, wie es gewesen ist. Die Einschaltquoten sind ihm jedenfalls sicher. Wir werden ihm zuhören und werden es ganz genau wissen wollen. Igor W. ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Wir werden mit ihm fühlen, und dieses Mitgefühl wird angenehm sein. Dann werden wir in unsere warmen Betten gehen.

Sonntag, 15. März 2009

Winnenden: Warum hat er es getan?

Warum er es getan hat, ist eine der ersten Fragen gewesen, die gestellt worden sind. Viele fühlen sich berufen, dazu Mutmaßungen anzustellen.

Dabei ist die Frage dazu prädestiniert, niemals beantwortet zu werden. Könnte man ihn noch fragen, und er würde eine Antwort geben, dann käme die nächste Frage: Warum ist er so geworden?

Diese Frage scheint mir wichtiger, denn sie deutet wieder zurück auf uns selbst. Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass es monströse Taten immer geben wird, man sie niemals ganz verhindern wird. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere wäre, man fragt sich, in welcher Welt so einer aufgewachsen ist. Warum niemand zu ihm vorgedrungen ist, warum niemand sehen konnte, wie Tod und Zerstörung heranwachsen. Die erste Möglichkeit bringt uns nicht weiter, selbst wenn sie richtig sein sollte. Die zweite lässt sich nicht von der Hand weißen. Es ist die einzig wichtige Frage, die Frage nach uns selbst, denn der Täter ist tot. Nach dem brauchen wir nicht mehr unbedingt zu fragen. Nach uns sollten wir fragen.

Tim K. war einer wie viele. Das wollte er nicht mehr sein. - Es nicht mehr zu sein, hat er geschafft, indem er fünfzehn Menschen umgebracht hat. Die anderen aber, die sich von der Masse genau so wenig unterscheiden, wie es Tim K. getan hat, die sollten wir jetzt anschauen. Die sind nämlich noch am leben. Man kann sie retten. Vergessene, Schüchterne, die sich leicht an die Wand drücken lassen, die man nicht beachtet. Jeder von uns kennt so einen. Man braucht nicht lange zu suchen, wenn man die Augen offen hält. Es gibt so viele, so unendlich viele: Jungs, die heranwachsen in scheinbar intakten Familien, aber niemanden haben, dem sie vertrauen wollen. Den Eltern sind sie fremd, die Freundschaften bleiben an der Oberfläche. Für sie ist alles Oberfläche, nichts hat Tiefe. Darum sehen sie in ihrem Leben keinen Sinn. Sie hatten noch nie einen Menschen, mit dem sie richtig ehrlich und aufrichtig reden konnten. Entsetzlich einsame Menschen, die in einer einsamen Welt groß werden, ein Welt die harmlos scheinen möchte und harmlose redet den ganzen Tag. Könnte es sein, dass eine solche Welt ein guter Nährboden ist, für Amokläufer?

Wieder einmal wird über Gesetze geredet, die dafür sorgen, dass Waffen noch besser weggeschlossen werden müssen. Das ist lobenswert. Aber was wollen wir tun mit all den potenziellen Amokläufern, die keine Waffe in die Hand bekommen? Wir werden sie nicht einmal erkennen! Es wird sie trotzdem geben. Sie werden mitten unter uns sein. Sie sind bereits mitten unter uns. Redet mit denen, die offenbar niemanden haben, mit dem sie reden können. Redet jeden Tag mit denen! Und wenn sie euch anschweigen, redet weiter mit ihnen. Redet mit ihnen, bevor es wieder geschieht!

Winnenden: Das Drama hat keine Dramatik

Es gibt ein Handy-Video, auf dem zu sehen ist, wie der Amokläufer von Winnenden wenige Sekunden vor seinem Tod unschlüssig auf dem Parkplatz hin- und hergeht. Er muss wissen, dass er beobachtet wird. Trotzdem sucht er keine Deckung, hat offenbar keine Eile. Er steht da wie auf einem Präsentierteller. Wenn er niemanden sieht, auf den er schießen kann, dann scheint er ziellos zu sein. Er lädt seine Waffe nach. Es ist, als tue er es nur, weil ihm gerade nichts Besseres einfällt.

Es sind Stimmen zu hören. Einer sagt: Du wirst sehen, der erschießt sich selbst. Wenig später ist ein Schuss zu hören, und der Amokläufer geht zu Boden. Auch das geht merkwürdig leise vonstatten, kein Schrei, keine hektischen Bewegungen. Es wirkt, als hätte ihn plötzlich die Kraft in den Beinen verlassen.

Man sieht nur noch einen verschwommenen Fleck. Wahrscheinlich ist das Video an dieser Stelle geschnitten. Wenig später hört man einen sagen, der Amokläufer habe sich selbst erschossen, wahrscheinlich der Besitzer des Handys.

Auf diesem Video brüllt niemand. Niemand hat Angst in der Stimme. Keiner rennt, keiner flüchtet, wirft sich in Deckung. Niemand ist wütend. Niemand brüllt Macht ihn fertig! , oder etwas Ähnliches.

Ganz anders ist das, als in all den Ballerspielen, die angeblich den Anreiz für Amoktäter bieten. Die Wut, der Blutrausch, nichts davon ist zu sehen. Die Bilder, letztlich sind sie völlig wertlos. Sie erzählen nichts von dem, was passiert ist, nur, wie es ausgesehen hat.

Die Menschen sterben leise, hat es den Anschein. Sie tun das auch dann, wenn sie von einer Kugel getroffen werden. Ganz leise schleicht sich das Grauen in die Kleinstadt Winnenden. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Hier ist alles immer ganz normal, ganz kleinstädtisch schwäbisch gewesen. Das wird auch so bleiben, glaube ich. Aber die, die hier leben, wissen jetzt: Da gibt es etwas, das sie nicht sehen können, auch auf keinem Video. Aber es ist immer da: Das Böse!